Der e-Commerce wächst und wächst. Umso drängender werden die damit einhergehenden Probleme und Herausforderungen, die im Rahmen des dritten eCommerce Logistik-Day am 26.September 2018 in Wien diskutiert wurden. 

REDAKTION: MARCUS WALTER

Freuen oder Fürchten? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 3. eCommerce Logistik-Days am 26. September. In der Wiener Albert Hall trafen sich erfahrene Praktiker, Berater, erfolgreiche Start-ups, etablierte Dienstleister und Hersteller sowie Vertreter des Handels zu einem intensiven Gedankenaustausch über die Folgen des ungebremsten Wachstums des e-Commerce. Die gemeinsam vom Berliner Institut des Interaktiven Handels IDIH und dem Fachmagazin LOGISTIK Express organisierte Veranstaltung bot dafür den geeigneten Rahmen.

Auf der Agenda standen 12 praxisnahe Vorträge und mehrere Networking-Sessions. Den Auftakt gab IDIH-Gesellschafter und Moderator Bernd Kratz, indem der Unternehmensberater eindringlich vor einem drohenden Infarkt der Logistik warnte. „Das anhaltend starke Wachstum führt kurzfristig zu einem steigenden Bedarf an Arbeitskräften, die auf den deutschen und österreichischen Arbeitsmärkten aber nicht mehr zu finden sind“, so Kratz. Das Dilemma lasse sich nur durch neue Strategien, Denkansätze und Konzepte in den Griff bekommen.

„Die Logistik steht vor einem Infarkt“
Schon heute platzt die KEP-Branche aus allen Nähten. Ein Wachstum von 10 Prozent im Online-Handel bedeutet gesamtheitlich einen Sendungszuwachs von jährlich sechs bis sieben Prozent. Österreich rangiert hier mit einem Online-Pro-Kopf-Umsatz von etwa 890 Euro pro Jahr an vierter Stelle in Europa und hat Deutschland mit einem Wert von 680 Euro überholt. Viele Branchen wären mit solchen Szenarien und Wachstumsraten glücklich, aber die Paketdienstleister leiden unter kontinuierlich sinkenden Margen.

„Die Logistik steht vor einem Infarkt und erweist sich als Wachstumsbremse für diesen Vertriebskanal“, so Kratz. Die derzeit zu beobachtende operative Hektik einiger Logistiker bei der Einführung neuer Prozesse führe oftmals „zu einem kontraproduktiven Ergebnis“. Das bestätigten auch Wolfgang Minarik und Gerhard Anzinger, die Logistikexperten von Arbor und Anzinger: „Es gibt meistens nicht ein optimales Logistiksystem, sondern die Kombination mehrerer Techniken stellt die Lösung dar.“ Hier bedürfe es einer genauen Analyse und Planung.

Die letzte Meile wird digital.
Michael Löhr, Geschäftsführer und Mitgründer des Münchner Start-ups Tiramizoo, betonte in seinem Vortrag, dass bei jeder Lösung die Digitalisierung eine Schlüsselrolle spielen müsse. „Ohne die durchgehende Digitalisierung kann die letzte Meile nicht abgebildet werden“, so Löhr, der das Publikum mit einem Logistik-Projekt aus der philippinischen Metropole Manila faszinierte. Durch die Digitalisierung habe man dort pro Stunde 30 Prozent mehr Pakete ausgeliefert als zuvor. Die in Südostasien gemachten Erfahrungen wolle er nun verstärkt für Europa nutzbar machen. Hierfür hat Tiramizoo bereits Softwarelösungen programmiert, mit der die Effizienz von Lieferketten erheblich gesteigert werden kann.

KNV sieht Wachstum gelassen.
Ein Höchstmaß an Effizienz stand auch im Vordergrund des neuen Logistikzentrums des Mediengroßhändlers KNV und seinem Schwesterunternehmen KNO Verlagsauslieferung in Erfurt. In der Mitte Deutschlands entstand ein moderner Bau, der drei frühere Logistikstandorte ersetzt und im Frühjahr 2016 in den Vollbetrieb ging. Mit einem Gebäudevolumen von rund 1,3 Millionen Kubikmetern und einer überbauten Fläche von 175 000 Quadratmetern ist das neue Zentrallager eine der größten Medienlogistikanlagen Europas. Uwe Ratajczak, Geschäftsführer der KNV Logistik GmbH präsentierte die Hintergründe.

Auf 320 000 Quadratmetern Grundstücksfläche entstand Platz für bis zu einer Million Medientitel und eine vernetzte Lieferkette zwischen Buchgroßhandel, Verlagsauslieferung und weiteren logistischen Dienstleistungen. Die Anlage ist für mehr als 450 000 Orderlines pro Tag ausgelegt.

Über eine Million verschiedener Buchtitel, Versand an 7 000 Buchhändler im deutschsprachigen Raum overnight und darüber hinaus die Bearbeitung der Bestellungen aus dem e-Commerce verlangten nach einem Logistikkonzept aus diversen unterschiedlich stark automatisierten Komponenten „Ja, wir haben auch noch manuell betriebene Regalstrukturen in unserer ansonsten hoch-automatisierten Logistik in Erfurt, aber nur wenige – der Rest ist automatisiert“, so Ratajczak, der weiterem Wachstum im e-Commerce gelassen entgegen sieht.

„Noch viel Luft nach oben“
Aus den neuen Anforderungen des Handels und der Logistik ergeben sich zwangsläufig neue Herausforderungen für die Immobilienentwickler. „Während bislang Logistikhallen mit einer lichten Höhe von zehn bis zwölf Metern Standard waren, wächst die Notwendigkeit von Logistikzentren mit mehreren Stockwerken, auf denen sich dann Roboter autark bewegen“, berichtete Christian Vogt von DLH Real Estate Austria. Hinsichtlich der Robotik waren sich die meisten Teilnehmer einig, dass diese verstärkt in der Logistik Einzug erhalten müssen. Schließlich sei in Deutschland die Arbeitslosigkeit in den letzten zehn Jahren um eine Millionen Menschen zurückgegangen. „Wir erkennen einen zunehmenden Fachkräftemangel auch im gewerblichen Bereich – und so werden diverse Standort in Deutschland nur mit Hilfe von Robotik gesichert werden können“, stellte Kratz fest.

Hochkarätige Spezialisten der Intralogistik präsentierten anschließend ihre technischen Lösungen für die Automatisierung, darunter Rainer Buchman von der Dematic GmbH. Er zeigte auf, wie schnell der Markt für Automatisierungslösungen in den letzten Jahren expandiert ist. Allein zwischen 2014 und 2015 sei die weltweite Nachfrage um 19,9 Prozent gestiegen. In Europa lag die Steigerungsrate bei 13,3 Prozent. Was die Zukunft betrifft, sieht Buchmann „immer noch viel Luft nach oben“. Dementsprechend gut gefüllt sind die Auftragsbücher der Anbieter: „Wer heute eine größere Anlage bauen will, muss in der Regel bis 2020 warten“, stellte Buchmann fest.

Mehr Arbeit für Behinderte.
Bei aller Begeisterung für Robotik und Automatisierung sollte man beim Bau der Anlagen darauf achten, dass sie auch künftige Nachfrageschwankungen schnell abbilden können. In diesem Zusammenhang präsentierte Bernd Stöger von der Knapp AG die vierte Generation des Shuttlesystems OSR evo, das eine stufenlose Erweiterung der Kapazitäten ermögliche. Für eine möglichst gute Einbindung der Menschen in den digitalisierten Arbeitsprozess stellte Andreas Blümel von topsystems die Lösung Lydia für die sprachgesteuerte Auslieferung vor. Während sich die Sprachsteuerung in der Kommissionierung längst etabliert hat, ist sie in der Paketzustellung ein absolutes Novum.

Die fehlenden Arbeitskräfte bieten aber nicht nur Maschinen und Robotern, sondern auch Menschen mit Behinderungen eine Chance, die bislang vom Arbeitsmarkt häufig ausgeschlossen wurden. In der Podiumsdiskussion nannte Rainer Buchmann das Drogerieunternehmen Walgreens aus den USA als beispielhaft: Deren Versandzentrum wurde so entwickelt, dass es vielen behinderten Menschen, auch mit Down-Syndrom, einen Arbeitsplatz bietet. In Deutschland ließen sich solche Konzepte infolge der rigiden Arbeitsgesetzgebung für die Beschäftigung von Behinderten nicht durchsetzen. Wer in Deutschland mit viel Idealismus einen Behinderten einstellt, kann diesen später praktisch nie mehr entlassen. „Das schreckt die meisten Unternehmen ab“, stellte Buchmann fest. Damit sich daran etwas ändere, müsse die Politik die Rahmenbedingungen verändern.

„Mit einem Klick sind Sie weg“
Die sich verändernden Kundenerwartungen auf der letzten Meile beleuchtete Günter Birnstingl, CEO bei DHL Paket Austria. Hier werde eine zunehmend hohe Flexibilität gefragt „Eine Entscheidung, ein Paket noch umzurouten, kann auch schon einmal in der letzten Stunde fallen. Dann müsse man hochflexibel und schon während der Paketzusteller auf dem Weg ist, die Zustelladresse ändern können. Im Onlinehandel seien die Paketdienstleister ein wesentlicher Faktor, um den Einkauf zu einem emotionalen Erlebnis zu machen. Um diese Rolle angesichts steigender Anforderungen und der zunehmenden Verkehrsdichte in den Innenstädten auch in Zukunft erfüllen zu können, müssten alternative Lösungen für den Lieferverkehr entwickelt und gefördert werden. Als Beispiele nannte er neben der Elektromobilität spezielle Fahrspuren und Stellplätze für Transporter.

Frank Iden, Geschäftsführer von Rhenus Fulfillment Solutions, machte in seinem Vortrag die Folgen einer unzureichenden Lieferqualität für Onlinehändler klar: “Mit einem Klick sind sie weg, wenn ein neuer Mitbewerber ein attraktiveres Angebot macht“, brachte es der Logistiker auf den Punkt. Die typische Markenbindung von früher gebe es heute nicht mehr. Eine weitere große Gefahr für den Onlinehandel lauert in der Cyberkriminalität. Zu diesem Thema nahm ein Beitrag von Bernhard Linemayr von der Crif GmbH Stellung. Er referierte sehr anschaulich über die Bedeutung der Blockchain für die Logistik und als Betrugsprävention im e-Commerce. Die rund 100 Teilnehmer nahmen die grundsätzlichen Erläuterungen über das Wesen und die Funktionsweise einer Blockchain dankbar an. Schließlich ist diese Technologie für die meisten Menschen nach wie vor abstrakt und unvorstellbar.

Somit bot das straffe Programm des 3. eCommerce Logistik-Days ein breites Spektrum an Wissen und Erfahrungen. Zwischen 08:30 und 17:30 Uhr gab es unzählige Informationen und Platz für das persönliche Networking. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch das Lösungsangebot von zehn Ausstellern, die während der Pausen eng umlagert waren. Die Besucher waren sich einig – auch im kommenden Jahr sollte der eCommerce Logistik-Day wieder in Wien stattfinden. (MW)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 4/2018