Beim 7. Internationalen Leobener Logistiksommer am 17. und 18. September 2009 dreht sich unter dem Motto „Nachhaltigkeit in der Logistik“ alles um Innovationen und Trends bei Abfall-, Entsorgungs- und Lagersystemen.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Albert Oberhofer, Präsident des Logistik Club Leoben, eröffnet die Veranstaltung: „Bei der Auswahl der Themen haben wir uns auf jene Gebiete spezialisiert, die auch Themen an den in Leoben ansässigen Ausbildungseinrichtungen, an der Montanuniversität und der HTL, sind. Da es in Österreich mit der BVL und dem VNL schon zwei große Vereine gibt, ist eine Konzentration auf unsere Spezialgebiete durchaus sinnvoll, und diese sind nun einmal neben Lager- und Fördertechnik für große Volumina besonders die Umwelttechnik und das Recycling, sowie seit Kurzem auch der Ener-giesektor“, erklärt er. Hinzu käme, dass diese Inhalte bei den restlichen Veranstaltungen eher vernachlässigt würden. Dass das Thema Abfallwirtschaft stärkerer Aufmerksamkeit bedarf, ist für ihn leicht begründet: „Abfälle und ihre sachgemäße Entsorgung sind – je nach Betrieb – eine wichtige logistische Leis-tung. Denn es ist bei Weitem nicht egal, wie man etwas wegbringt. Ein Beispiel hierfür ist die Sammeltourenplanung, die Optimierung der Wege im Logistikverkehr, wo es viel Einsparungspotenzial gibt wenn man sich fragt, wie für die optimale Entsorgung gesammelt werden muss.“

Besonders freut er sich neben den Fachvorträgen auf das diesjährige Rahmenprogramm, die Besichtigung bei Böhler Edelstahl sowie den abendlichen Ausklang im Hochofenmuseum des Radwerk IV in Vordernberg, wo er auch einen Kurzvortrag über die Eisenproduktion des 19. Jahrhunderts halten wird. Bei der Programmgestaltung war diesmal die Idee, von der Praxis zur Theorie zu kommen, wodurch die wissenschaftlichen Vorträge am Schluss zu finden sind. Oberhofer hofft natürlich auf reges Publikumsinteresse: „Gerade Themen, die mit Lager- und Förderwesen sowie der Entsorgung zu tun haben, sind nicht nur für produzierende Unternehmen besonders wichtig, sie können auch in allernächster Zeit beim Wirtschaftsaufschwung helfen. Denn wenn wir die stoffliche Trennung sowohl technisch als auch organisatorisch perfektionieren, hilft uns dies bei der Gewinnung möglicherweise nicht erneuerbarer Rohstoffe.“

Programm vom Donnerstag
Nach dem Check-in im Falkensteiner Hotel & Asia Spa Leoben und der Begrüßung durch Prof. Oberhofer eröffnet Andreas Fuchs, Bereichsleitung und Unternehmensentwicklung in der ÖBB Holding AG, den Vortragsreigen mit dem Thema „Entwicklungen in der Güterverkehrsbranche“. Nach diesem Ausflug in die Welt der Schienen wird Remo Bulgheroni, Taskforce Leiter bei der Genossenschaft Migros Aare, dem Publikum das „Leergutmanagement der Migros Aare: Kreislaufwirtschaft von Systembehältern“ näherbringen. „Zuerst möchte ich kurz auf Migros Aare eingehen, dann auf die Bewirtschaftung unserer Behälter im Kreislauf, dazu werde ich neben Bildern auch einen Film zeigen. Wir haben über acht Millionen Gebinde, die jährlich etwa 250 Millionen Mal bewegt werden – alleine 32 Millionen davon bei Migros Aare“, nennt Bulgheroni beachtliche Zahlen.

Die verwendeten Polypropylenbehälter reichen dabei von 30×40 cm Boxen bis hin zur Europalettengröße. „Das Hauptproblem war die Sortierung der Systembehälter nach dem Gebrauch“, erzählt Bulgheroni, „früher musste alles händisch sortiert werden. Mit unserer neuen Anlage sind wir jedoch von der manuellen zur automatischen Sortierung übergegangen, die noch dazu auf Spitzenwerte ausgelegt ist.“ Obwohl es die meiste Zeit des Jahres über eher ruhig sei, sei es immens wichtig, die Halle stets von Leerbehältern frei zu halten, denn „sonst haben wir Probleme beim Ausladen.“ Seit der Inbetriebnahme der neuen Anlage konnte vor allem der Personalaufwand reduziert werden: „Wir haben aktuell nur noch Staplerfahrer beschäftigt, allerdings ist deren Anforderungsprofil durch die hinzugekommene zeitweilige Bedienung der Anlage natürlich gestiegen. Durch die neue Abwechslung sind die Mitarbeiter zusätzlich motiviert“, freut er sich.

Im Anschluss warten gleich zwei Referenten, Mag. Ing. Gerald Gruber und Alexander Peterlik, beide Projektleiter bei der GS1 Austria GmbH, teilen ihre wertvollen Erfahrungen zu „Steigerung der Effizienz und Transparenz entlang der globalen Logistikkette durch die Nutzung der GS1 Standards“ mit dem Auditorium.

Aller guten Dinge sind drei, daher findet nun die erste Pause statt, in der sich die Gelegenheit für Fachgespräche ebenso wie für eine kleine Stärkung ergibt. Die wird man auch brauchen, denn nach der Unterbrechung geht es äußerst spannend weiter. „Die Wirtschaftskrise und der Bull-Whip Effekt – Ein Brückenschlag zwischen dem wohlbekannten Bull-Whip Effekt und der heutigen Situation der Wirtschaft. Ein Situationsbericht aus der Stahlindustrie“ lautet der Titel, und Dr. Hubert Fratzl, Leiter Konzernlogistik der BÖHLER-UDDEHOLM AG, weiß genau, wovon er spricht: „Je weiter hinten in der Versorgungskette ein Unternehmen positioniert ist, desto größer ist die Auswirkung – vergleichbar mit einem Peitschenschlag, und daher auch der Name. Jedes Element in der Kette hält Bestände, wie hoch diese sind, ist auch heute noch oft eine rein emotionale Entscheidung. Wer glaubt, dass der Markt gut ist, legt sich einen größeren Vorrat an; wer davon ausgeht, wenig umzusetzen, räumt seine Läger, und genau das ist derzeit der Fall im Bereich Werkzeugstahl.“

In seinem Beitrag wird er genau darstellen, wie man diesem Effekt entgegenwirken kann – wenn er auch seiner Meinung nach nicht mehr so stark auftritt wie etwa in den 1990er Jahren. „Das allerwichtigste ist Transparenz. Jeder einzelne Teilnehmer der Kette muss genau und zeitnah wissen, wie es den anderen geht“, hebt Fratzl hervor. Der zweite Punkt ist die Erstellung klar definierter Regeln: „Man muss gemeinsame Regeln aufstellen, an die man sich dann auch hält. Wenn ich beispielsweise mit einem Kunden eine Abnahmemenge vereinbare, dann muss ich mich daran halten, auch wenn es vielleicht unpraktisch ist. Kommt dies öfter vor, muss man einfach neue Vereinbarungen treffen.“

Die Voraussetzung für die Dämpfung des Bull-Whip Effekts ist ein absolutes Vertrauensverhältnis: „Ohne Vertrauen, Transparenz und Regeln kommen Emotionen ins Spiel, und damit oft kurzfristige, unvorhergesehene Änderungen bei Abnahmemengen. In den letzten Jahren haben wir uns immer stärker innerhalb der Supply Chain, der Länder, ja global vernetzt, und umso intensiver wirkt sich dieser Effekt auch aus, wenn man nicht gezielt gegensteuert.“ In naher Zukunft sieht er für seine Branche noch keine echte Erholung: „Die Bestände innerhalb der Kette sind noch nicht aufgebraucht, die Versorgungskette ist noch gut gefüllt, bis Jahresende gibt es wohl kaum eine Änderung der Lage.“ Nicht minder interessant als ein Stahlkonzern ist die Automobilindustrie, Ing. Karl-Michael Hofer und DI Roman Pöltner von der MAGNA STEYR Fahrzeugtechnik AG & CO KG berichten über die „Produktionskritische Abfall-Logistik in einem Großbetrieb“. „Abfallwirtschaft ist nicht nur das Entleeren von Mistkübeln, hier geht es um Prozesse, die sich – so sie nicht funktionieren – negativ auf die Produktion auswirken können“, weiß Pöltner um die Bedeutung der Thematik. In seinem Beitrag wird er Wege aufzeigen, wie es funktioniert, und verdeutlichen, wie wichtig die enge Koppelung zwischen der Abfallentsorgungslogistik und der Produktionsplanung ist.

Nach der Mittagspause weiht Jürgen Richlitzki, Geschäftseinheitenleiter der Müllabfuhr der Berliner Stadtreinigungsbetriebe, die Anwesenden in die Geheimnisse der „Abfall-Logistik der Großstadt Berlin“ ein. Zum Vergleich lädt dann sein Nachredner, DI Dr. Roland Pomberger von der Saubermacher Dienstleistungs AG, in seinem Vortrag „Regionale Abfallsammlung und Logistik aus der Sicht eines Entsorgers“. Er wird gleichermaßen auf die Bedeutung eines Entsorgers in der regionalen Sammlung wie auf grundsätzliche Faktoren der Nachhaltigkeit eingehen. „Die Stellung der Sammellogistik und der Verwertung ist einerseits logistikgetrieben, ein ganz wesentlicher Faktor ist allerdings auch der Verwertungspreis, wie hoch der jeweilige Anteil am Gesamtvolumen ist“, weist Pomberger auf einen wichtigen Punkt hin. In der Steiermark gebe es aufgrund der Zusammenarbeit regionaler Anlagen eine gute Vernetzung der Mengenströme. „Die EU hat das Ziel, eine Recyclinggesellschaft zu erschaffen, die Voraussetzung hierfür ist die Sammlung.“ Für den Herbst erwartet er wenig Positives: „Die Industrie ist der Abnehmer der Verwertungsprodukte, wenn allerdings nichts produziert wird und die Läger voll sind, dann braucht keiner das Produkt. Die Papier-, Kunststoff- und Schrottläger sind voll. Die Situation entspannt sich zwar ein wenig, ist aber noch weit vom Optimum entfernt.“

Er ist davon überzeugt, dass einer der zukünftigen Rohstoffströme jener aus Abfall sein wird, nicht nur, da die EU dieses Vorhaben unterstützt: „Es ist sinnvoll, Dinge zu verwerten. Leider ist der Anreiz niedrig, wenn der Preis niedrig ist – da spielt dann der Umweltschutzaspekt eine untergeordnete Rolle.“ Generell zählt Pomberger auf die Mithilfe und Vernunft der Bürger: „Je sortenreiner und besser gesammelt wird, desto kostengünstiger und damit rentabler ist die Verwertung.“ Eine Möglichkeit, die Verwertung effektiver zu gestalten, ist die „Softwaregestützte Sammeltourenplanung“, wie sie Univ.-Prof. DI Dr.mont. Jürgen Wolfbauer vom Department Angewandte Geowissenschaften und Geophysik der Montanuniversität Leoben präsentieren wird. Damit enden auch schon die Vorträge des ersten Veranstaltungstages, um 15:00 Uhr ist die Abfahrt zur Besichtigung der Böhler Edelstahl GmbH & Co. KG, wo eine Tour durch Walzwerk, Schmiede, mechanische Werkstatt und Sonderstahlwerk auf dem Programm steht. Auch danach geht es heiß her, wenn die Veranstalter unter dem Motto „Feuer und Eisen“ zum Ausklang ins Hochofenmuseum des Radwerk IV in Vordernberg laden.

Programm vom Freitag
Wer sich am Vorabend losreißen konnte, wird es am Freitagmorgen nicht bereuen, wenn um 9:00 Uhr Mag. Christian Ehrich von der Jacoby Pharmazeutika AG über „ein Logistikcenter für die Zukunft“ spricht. Von ihm übernimmt DI Dr. mont. Manfred Fuchs, Leiter Geschäftsbereich Service, KNAPP AG, das Wort: „Nachhaltigkeit durch moderne Servicekonzepte in der Lagerautomation“ lautet sein mit Spannung erwartetes Thema. Gestärkt von der ersten Pause verdient Ing. Gunther Panowitz von der Müller-Guttenbrunn GmbH die volle Aufmerksamkeit: „Logistik am Schrottplatz – für jede Aufgabe die logistische Lösung“ entführt das Publikum in die Umgebung, in der die Protagonisten des Musicals „Cats“ sich wohl auch heimisch gefühlt hätten. Die Ehre des Schlussvortrags gebührt DI Dr.mont. Michael Prenner vom Lehrstuhl für Fördertechnik und Konstruktionslehre an der Montanuniversität Leoben. Sein Titel: „Optimierung von Schüttguttransportprozessen mittels der Diskrete-Elemente-Simulation“. Das Veranstaltungsende ist gekommen, wenn Dir. Ing. Leopold Pilsner, MBA, Geschäftsführer der Logistik Center Leoben GmbH, das Wort ergreift und die Teilnehmer verabschiedet – bis zum nächsten Jahr.

Quelle: Logistik express Ausgabe Nr.3|2009