Ich möchte Ihnen meine Erfahrungen als mittelständischer Automobilhändler während der Einschränkungen aufgrund von Corona, die aktuelle Entwicklung und meine persönliche zukünftige Prognose für unser Geschäftsfeld aufzeigen.

Gastbeitrag: Geschäftsführender Gesellschafter eines großen Autohauses / HALLO MEINUNG

Unser Unternehmen hat am 12. März 2020 folgende Sofortmaßnahmen aufgrund der steigenden Corona
Infizierten und einem Fall in der Familie eines Mitarbeiters getroffen: Wir haben 50% der Belegschaft zunächst ohne Beantragung von Kurzarbeitergeld im 14-tägigen Wechsel nach Hause geschickt. Das heißt jeder Bereich, Teile, beide Werkstätten, Buchhaltung, Disposition, Verwaltung etc. hat nur noch mit der Hälfte der Mitarbeiter gearbeitet. Das Verkaufspersonal wurde zunächst fast ausschließlich ins Homeoffice geschickt und die Verkäufer haben über Video und Telefonkonferenzen, E-Mail Kundenanfragen bearbeitet.

Durch die Reduzierung der Werkstattkapazitäten wurden nur noch 50% Werkstattaufträge angenommen. Es wurde umgehend eine Maskenpflicht im Unternehmen angeordnet und die jetzt noch gültigen Hygienemaßnahmen (Plexiglaswände, Desinfektionsmittel) angewandt. Zusätzlich wurde jedes Fahrzeug nach einem Werkstattaufenthalt innen desinfiziert. Die Kosten hierfür beliefen sich auf eine hohe 4-stellige Summe.

In den Monaten Januar und Februar lagen unsere geplanten Verkaufszahlen (Neu- und Gebrauchtfahrzeuge) und auch unsere verkauften Stunden in der Werkstatt auf Jahresziel. Ab März 2020 bis heute ist der Werkstattertrag um ca. 30% eingebrochen. Eine Erholung der Werkstattauslastung ist aktuell noch nicht zu erkennen. Der August war aufgrund der Urlaubszeit (viele Kunden sind mit dem eigenen Auto in den Urlaub gefahren) besonders schlecht. Durch die bis dahin wenig gefahrenen Kilometer, vor allem unserer gewerbetreibenden Kunden, haben sich auch die Inspektionsintervalle verschoben. Auch durch die Zunahme von Homeoffice-tätigkeiten, hat es weniger Unfall- und Glasreparaturen gegeben. Die Inspektionsintervalle haben sich verschoben.

Die Hersteller Volkswagen und Audi haben uns mit Sofortmaßnahmen (Zinsaussetzung für Lager und Vorführwagen), Reduzierung der Standards (Vorführwagenverpflichtung, Aussetzung von Revisionen und Audits, Pflichtschulungen) unterstützt. Dies hat uns liquiditätsmäßig sehr geholfen.

Anmerkung: Man muss dazu wissen, dass wir alle Vorführfahrzeuge (z.B. 17 bei Audi) und alle Lagerfahrzeuge (z.B. 29 bei Audi) beim Hersteller bezahlen müssen und so diese Fahrzeugeinkäufe bei der Volkswagenbank finanziert haben. Ebenso müssen wir die Rechnung für Kundenfahrzeuge ab Verlassen des Werks bis zur Auslieferung an Kunde (meist 30 Tage) zwischenfinanzieren. Die Zinszahlungen für die Finanzierung der Fahrzeuge hat die Volkswagen AG zusammen mit der Volkswagenbank bis zum 30.09. übernommen und so mit Sicherheit einige eigenkapitalschwache Unternehmen vor einer Insolvenz bewahrt.

Unser Unternehmen hat seit April 2020 bis einschließlich August 2020 Kurzarbeit umgesetzt und Kurzarbeitergeld beantragt. Die meisten der Mitarbeiter wurden zu 50% in Kurzarbeit geschickt. Vorher wurden alter Urlaub und Überstunden abgearbeitet. Seit September arbeiten wir wieder voll, allerdings nach wie vor mit Maskenpflicht am Arbeitsplatz – auch in der Werkstatt. Sollte sich die Auftragslage in der Werkstatt nicht verbessern werden wir wieder zum Teil in Kurzarbeit gehen müssen. Besonders erwähnenswert war, dass uns 90% der Mitarbeiter freiwillig 8 Tage Urlaub „geschenkt“ haben, um auch ihren Beitrag zu leisten, dass unser Unternehmen weiter gesichert – trotz der Coronakrise – in die Zukunft gehen kann. Diese Bereitschaft unserer Mitarbeiter ihr Unternehmen zu unterstützen ist unbeschreiblich toll und hat die Geschäftsführung zutiefst berührt.

Im Neuwagenverkauf sind die Verkaufszahlen ab April dramatisch eingebrochen. Erst im Monat September sind vor allem durch Aktionen der Hersteller (wir schenken Ihnen die MwSt.) die Zahlen wieder leicht gestiegen. Im Gegensatz zum Vorjahr ist aber der Absatz von Neufahrzeugen in unserem Unternehmen (Audi, VW und SEAT) aber aktuell um ca. 35% gesunken. Auch das Flottenkundengeschäft war rückläufig allerdings nicht so dramatisch wie bei Einzelkunden und kleineren Unternehmen.

Leichte Verunsicherung unserer Kunden, ob man sich aktuell ein eFahrzeug anschaffen soll oder nicht, sind auch aufgrund der staatlichen Förderung für den Kauf von eFahrzeugen zu verspüren gewesen. Eine staatliche Stütze für Fahrzeuge mit Verbrennermotoren ist ausgeblieben. Die Entscheidung zum Kauf eines Neufahrzeugs ist bei vielen Kunden während Corona verschoben worden. Die Nachfrage nach kleineren eFahrzeugen war und ist sehr groß. Allerdings sind unsere Hersteller nicht in der Lage die Fahrzeuge innerhalb von 12 Monaten zu liefern. Ausnahme der I.D.3 der seit Mitte September ohne größere Lieferzeit zu bekommen ist. Wie sich der Absatz bei diesem Fahrzeug entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Die größten Förderprogramme verpuffen aber, wenn die Kunden in unseren oftmals noch familiengeführten Autohäusern nicht die Fahrzeuge kaufen können, für die sie gerne ihr Geld ausgeben wollen. Das ist zwar nicht erst seit Corona so und betrifft auch nicht nur die alternativen Antriebe, weil manche Hersteller schon seit längerem nur einen (Bruch-) Teil ihrer Modellpaletten ausliefern können.

Der Verkauf von größeren und teureren eFahrzeugen (z.B. Audi e-tron ab 80.000,-Euro) läuft aufgrund der fehlenden staatlichen Unterstützung hingegen schleppend, obwohl die Hersteller (Audi) teilweise hohe Verkaufsprämien bereitstellen und auch die Fahrzeuge lieferbar wären.

Aus diesen genannten Gründen hat eine Verlängerung der Leasingverträge bei Privat- und Firmenkunden deutlich zugenommen. Bei Gebrauchtwagenverkauf hat sich die Situation mit der staatlichen Reduzierung der MwSt. auf 16% plötzlich wieder erholt. Die Monate Juli und August liefen überdurchschnittlich gut. Aktuell sind wir beim Absatz auf Vorjahresniveau. Im Monat September haben sich die Verkaufszahlen wieder auf Vorjahresniveau normalisiert. Allerdings sind wir zuversichtlich, dass wir im Geschäftsfeld Gebrauchtwagen eine positive Rendite erzielen werden.

Fazit für 2020: Wir werden aufgrund von Corona einen Gewinneinbruch von 2/3 unseres letztjährigen Gewinns hinnehmen müssen.

Prognose: Durch die zunehmende Arbeitslosigkeit durch Entlassungen (Continental, Fahrzeugzulieferer, Siemens, MAN, Mercedes, Lufthansa etc.), möglich kommende Insolvenzen von Unternehmen und durch die Verlagerung einiger Arbeitsplätze ins Homeoffice ist nicht damit zu rechnen, dass sich die Verkaufszahlen bis Ende des Jahres, aber vor allem im Jahr 2021 wieder erholen werden.

Zwar versuchen die Fahrzeughersteller mit einer gewissen Euphorie die guten Absatzzahlen der vergangenen Jahre für 2021 herbeizureden und wollen sich und dem Handel einreden, dass sich Corona zumindest wirtschaftlich erledigt hätte, in Wirklichkeit jedoch sehe ich keine Verbesserung des Fahrzeugabsatzes und der Werkstattauftragslage im Jahr 2021. Es ist also damit zu rechnen, dass eigenkapital schwache Unternehmen in finanzielle Schieflage geraten werden.

Wir als KFZ- Betrieb sind allerdings weiterhin bereit, unseren Beitrag für die Mobilität von morgen zu leisten. Wenn Politik und Hersteller uns denn endlich unsere Arbeit machen lassen.

Gastbeitrag: HALLO MEINUNG / Geschäftsführender Gesellschafter eines großen Autohauses

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 5/2020