Nur wenige haben bislang die Republik Serbien auf ihrer Liste, wenn es um die – aus sourcingtechnischer Sicht – beliebtesten CEE-Staaten geht. Doch warum eigentlich? Es ist durchaus an der Zeit, sich ein wenig intensiver mit diesem Staat zu befassen.

Die Demokratische Republik Serbien ist mit ihren 88.361 km2 Fläche und rund 9,5 Millionen Einwohnern etwas größer als Österreich, die Hauptstadt ist Belgrad. Geographisch liegt das Land im Zentrum der Balkanhalbinsel, grenzt im Norden an Ungarn, im Osten an Rumänien und Bulgarien, im Süden an Mazedonien und Albanien (über den Kosovo) sowie im Westen an Bosnien und Herzegowina und Kroatien. Belgrad liegt 660 km von Wien entfernt. Es gibt zwei internationale Flughäfen, „Nikola Tesla“ in Belgrad und den „Nis International Airport“. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug im Jahr 2008 € 33,86 Mrd. Der durchschnittliche Monatslohn betrug 2008 € 402,-. Die Arbeitslosenrate nach ILO-Standards (International Labour Organisation) betrug 2008 14 Prozent. Bereits am 29. April 2008 unterzeichnete die EU ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) mit Serbien, das als Vorstufe zur Vollmitgliedschaft gesehen werden kann. Im PricewaterhouseCoopers EM20 Index (die 20 aussichtsreichsten Industriestandorte der Emerging Markets) liegt das CEFTAMitglied Serbien (CEFTA: Central European Free Trade Agreement, Mitteleuropäisches Freihandelsabkommen) an dritter Stelle bei der Produktion und an siebenter Stelle bei den „Shared Services“. Besonders reizvoll scheint auch das bestehende Freihandelsabkommens zwischen Serbien und Russland, wodurch keine Zölle anfallen. Die finale Unterzeichnung eines ebensolchen Freihandelsabkommen mit Weißrussland ist für die zweite Märzhälfte 2009 geplant und soll alle Zölle mit Ausnahme von Verbrauchsgütern und Gebrauchtfahrzeugen abschaffen.

Staatliche Investitionsanreize und Hilfe
Die serbische Regierung arbeitet stets daran, die Marktzugangsbedingungen für ausländische Investoren zu verbessern. Es gibt eine große Anzahl unterschiedlichster steuerlicher Vergünstigungen. Ein Beispiel: Neue Projektvorhaben in den Bereichen Automotive, Elektronik und IT, die „auf dem grünen Feld“ durchgeführt werden, erhalten staatliche Subventionen bis zu einer Höhe von 25 Prozent der Gesamtinvestition, wenn das Volumen mehr als € 200 Millionen beträgt und gleichzeitig mindestens 1.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Körperschaftssteuern fallen mit 10 Prozent Einkommenssteuer, 18 Prozent Umsatzsteuer und 12 Prozent Lohnsteuer moderat aus. Das sogenannte „Guillotine of Regulations Project“ zielt auf die Beseitigung von etwa 30 Prozent der Businessregulatorien ab. In den nächsten vier Jahren investiert Serbien € 2,9 Milliarden in den Ausbau des Schnellstraßennetzes, allein für 2009 werden € 475 Millionen in den Ausbau des „Korridors 10“ gesteckt. Hinzu kommt eine Neugestaltung der Baugesetzgebung und der Vergaberichtlinien für Grundstücke. Im Jänner wurde ein Konjunkturpaket in der Höhe von RSD 122 Milliarden (ca. € 1,27 Milliarden) verabschiedet, mehr als die Hälfte davon fließt in die Gewährung gestützter
Kredite, die auch Firmen zugute kommen. Die Höhe der Vergabe hängt von der Größe
des Unternehmens ab: kleine Firmen bekommen bis zu € 50.000, mittelständische Unternehmen € 500.000 und große Unternehmen maximal € 2 Millionen.

Einkauf in Serbien
Der BMÖ (Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich)hat das Potenzial Serbiens erkannt und dort am 23. Oktober 2008 einen Einkäufertag Serbien durchgeführt. Zusammen mit der SIEPA (Serbia Investment and Export Promotion Agency) wurden potenzielle Lieferanten für interessierte österreichische Unternehmen gesucht und beide Parteien zusammengebracht. „Die serbischen Unternehmen und auch unser Partner SIEPA sind äußerst bemüht, die Wünsche der westlichen Interessenten zu erfüllen“, zeigt sich Projektleiter Mag. Georg Pein zufrieden. Einer der Teilnehmer am Einkäufertag war die Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug GmbH. „Wir hatten durchaus einen positiven Eindruck von den teilnehmenden Firmen“, erklärt Mag. Stephan Thalhammer, „es ist wichtig, sich früh einen Überblick über einen Markt zu verschaffen, und der Einkäufertag stellt hierfür ein effizientes Instrument dar.“ Auch Johannes Kremshuber, Strategischer Einkauf der Waagner-Biro Stahlbau AG, war mit dabei: „In den Gesprächen erhielten wir durchaus den Eindruck, dass die vertretenen Firmen unsere Ansprüche erfüllen können.
 
Auf eine Anfrage haben wir dann zwar nur von einem Lieferanten eine Rückmeldung erhalten, mit diesem stehen wir dafür noch in Kontakt. Wenn die konkreten Vorgaben für unser neues Projekt feststehen, werden wir dieses Unternehmen auch wieder in die Angebotsphase einbinden.“ Seiner Meinung nach würden serbische Betriebe noch relativ wenig Erfahrung in der Zusammenarbeit mit westlichen Firmen haben, seien aber offensichtlich bemüht. Seine Teilnahme an der Fahrt hat er nicht bereut: „Der Markt wird gezielt aufbereitet, nur ausgesiebte Lieferanten, die alle nötigen Voraussetzungen mitbringen, werden eingeladen. Der persönliche Aufwand ist wesentlich geringer, als wenn man diese in Eigenrecherche ermitteln würde. Zudem sorgte der Organisator mit bereitgestellten Dolmetschern für die Überwindung eventueller Sprachbarrieren.“

Ein weiterer Teilnehmer des Sourcing-Days war Bernd Schaller von der Siemens AG: „Siemens Österreich hat die Verantwortung für den Materialeinkauf in 17 Ländern. Bei Projekten ist es äußerst wichtig, Lieferanten vor Ort zu kennen, und daher war der Einkaufstag in Serbien für uns von großem Interesse.“ Durch das persönliche Kennenlernen sei man besser in der Lage, die geeigneten Lieferanten herauszufiltern sowie ihre Stärken und Schwächen festzustellen. „Die passenden Unternehmen werden nach eingehender Prüfung in unserem System erfasst, und wenn wir ein Projekt in Serbien durchführen, haben wir gleich Ansprechpartner“, schätzt Schaller die Vorteile der Veranstaltung. Zwar hätte sich bislang noch keine Gelegenheit ergeben, er wisse jedoch von Einkäufertagen in Slowenien, aus denen bereits fruchtbare Geschäftsbeziehungen entstanden seien. „Es gibt natürlich Unterschiede, wie weit einzelne Länder entwickelt sind, aber bei Serbien habe ich ein gutes Gefühl. Die Firmen sind für Westeuropa und seine Bedürfnisse bereit“, ist Schaller überzeugt.

Einstieg leicht gemacht
Wer sich für Investitionen oder den Aufbau von Lieferantenbeziehungen in Serbien interessiert, kann sich vertrauensvoll an die zentrale Investitionsagentur SIEPA wenden. „Wir sind stets bemüht, interessierten Firmen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“, meint Nikola Jankovic, FDI der SIEPA. Die Institution verfügt bereits über einschlägige Erfahrungen mit ausländischen Investoren, wie etwa die Ball-Corporation oder Coca-Cola. Ihr Spezialgebiet sind Greenfield-Projekte mit umfassenden kostenlosen Beratungsleistungen während der gesamten Projektdauer.

Auswirkungen der Krise
Natürlich blieb auch Serbien nicht von der Krise verschont, allerdings wurde es nicht ganz so hart getroffen: „Der Finanzsektor ist sehr streng kontrolliert, deshalb ist er auch stabil. Bislang sind alle Banken liquide“, ist Jankovic froh. Zudem würde die Regierung Maßnahmen treffen, um die Wirtschaft zu unterstützen. Das Problem drohe von anderer Seite: „Wenn internationale Mutterkonzerne in Schwierigkeiten geraten und ihr Geld abziehen, könnte das natürlich auch negative Folgen haben.“

Quelle: Logistik Express Ausgabe Nr.1 | 2009