Die Haverie der «Ever Given» im Suezkanal hat die unbefriedigende Situation in der Seefracht in Bezug auf Pünktlichkeit und Kapazitäten weiter verschärft. Auf Transportversicherer kommt eine Flut von Schadensmeldungen zu.

Redaktion: Ursula Schmeling.

Fast eine Woche lang blockierte das Frachtschiff «Ever Given» der taiwanesischen Reederei Evergreen Marine, beladen mit rund 20’000 Containern, den Suezkanal. Bereits fünf Tage nach Ende der Blockade hatte sich der Stau von etwa 420 Schiffen wieder aufgelöst. Doch die betroffenen Reedereien sind noch lange nicht zum Normalbetrieb zurückgekehrt.

Die Fahrpläne sind nicht nur durch verspätete Schiffe oder Einheiten, die um das Kap der Guten Hoffnung umgelenkt wurden, durcheinandergeraten. Bereits zuvor war die Pünktlichkeit in der Schifffahrt auf einem Tiefpunkt angelangt – mit verheerenden Folgen für die Liefer- und Distributionsketten international tätiger Firmen. Die geballten Schiffsanläufe nach der Haverie sorgen nun für Probleme in vielen Häfen und im Hafennachlauf.

Die unbefriedigende Situation im Seetransport wird seit Monaten durch eine Knappheit bei Containern und Schiffskapazitäten verschärft. Diese wird sich voraussichtlich noch bis ins 2. Halbjahr 2021 fortsetzen. Das Resultat sind explodierende Containerraten. So waren die Preise für Containertransporte von Ostasien nach Europa bereits zum Jahreswechsel fast fünfmal so hoch wie im Vorjahr.

Blockierte Ladung.
Besonders heikel ist die Situation für die Eigner der Ladung auf der «Ever Given». Wegen der Auseinandersetzung um Schadenersatz liegt die «Ever Given» im Großen Bittersee zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des Suezkanals an der Kette. Die Suez Kanalbehörde fordert wegen der tagelangen Blockade und dem Ausfall von Kanalgebühren in dieser Zeit sowie für die Extraaufwände zur Bergung des Schiffes (Bugsierschiffe, Bagger etc.) Schadenersatz in Höhe von einer Milliarde Dollar.Sie will die Weiterfahrt erst bei einer Einigung erlauben. Inzwischen hat die Reederei bzw. der japanische Eigner des Schiffes, Shoe Kisen, die «Havarie Grosse» (General Average) erklärt. Bei diesem Instrument des Seerechts werden die Kosten zur Rettung eines Schiffs auf alle Parteien umgelegt, die ein wirtschaftliches Interesse an ihm haben. Im Wesentlichen sind das die Eigentümer von Schiff und Ladung und ihre Versicherer. In der Praxis bedeutet das, dass Firmen, die Container an Bord der „Ever Given“ haben, ihre Waren erst erhalten, wenn sie einen Teil des Wertes als Sicherheit für eine mögliche Beteiligung am Gesamtschaden hinterlegt haben. Der Wert der Fracht wird auf rund 3,5 Milliarden Dollar geschätzt.

Das letzte Mal, dass General Average (GA) deklariert wurde, war 2018 nach dem Brand an Bord der „Maersk Honam“. Nach der Erklärung von GA setzte der Justierer die Bergungssicherheit auf 42,5% des Frachtwerts und 11,5% als GA-Kaution fest. Dies bedeutete, dass ein Versender mit einer Fracht im Wert von 100.000 USD eine kombinierte Kaution von 54.000 USD zahlen musste, um seine Fracht freizubekommen.

Für Spediteure bedeutet die GA der «Ever Given», dass sie sofort ihre Kunden informieren müssen, deren Ware auf das Schiff verladen wurde. Die Ladungseigner müssen dann eine GA-Garantie von ihren Versicherern anfordern oder eine Cash-Garantie beibringen. Bis jedoch die Höhe der Kaution feststeht, könnte es dauern. (US)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 2/2021