Trotz der aktuell wieder leicht steigenden Arbeitslosenzahlen ist es für viele Unternehmen schwierig, geeignetes Fachpersonal zu akquirieren. Warum also nicht das Schicksal in die Hand nehmen und den Nachwuchs selbst heranziehen? TEXT: ANGELIKA THALER

Etliche Firmen haben bereits die Zeichen der Zeit erkannt und investieren in die interne Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Logistik Express hat drei Vertreter solcher Musterunternehmen unabhängig voneinander zum Interview gebeten.  

The „orange way“
Fast jeder hat schon einmal einen der markant orangen Trucks der Gebrüder Weiss GmbH gesehen, die Farbe war auch Namensgeber für die gemeinsame Firmenkultur, den „orange way“. So verwundert es wenig, dass Österreichs größte private Spedition in Familienbesitz seine interne Akademie „orange college“ nannte. Für Helmut Schöpf, Leiter der zentralen Personalentwicklung, war die eigene Akademie ein logischer Schritt: „Wir sind eine stets lernende Organisation, nur mit bestens ausgebildeten Mitarbeitern kann man am Markt bestehen. Der Kunde soll nur tadellose Leistungen erhalten.“ In der Akademie werden jährlich etwa 60 unterschiedliche Themen – von optimaler Kommunikation bis zu Seefrachtregelungen – angeboten. Die jeweiligen 2 bis 3-Tages- Seminare finden Großteils in Salzburg und stets während der Arbeitszeit statt. „Die Mitarbeiter können in einer Art Katalog im Intranet das für sie passende auswählen und dann mit dem Vorgesetzten absprechen. Dieser ist bemüht, jeden Einzelnen auf den besten Weg zu bringen – für sich und das Unternehmen“, erklärt Schöpf. So würden auch Fremdsprachenkurse generell gefördert, selbst wenn die gewünschte Sprache vielleicht nicht zum aktuellen Arbeitsbereich passe. Zudem gebe es etwa 50 interne Trainer, die zu den Standorten fahren und direkt vor Ort Gebrüder Weiss-spezifische Themen lehren würden.

Vom Lehrling zur Führungskraft
Gebrüder Weiss beschäftigt aktuell etwa 160 Lehrlinge, 50-60 kommen jährlich hinzu. Schöpf: „Wir haben ein eigenes Lehrlingswesen mit Rotationsprinzip, denn Lehrlinge sind unsere Zukunft!“ So bestünde etwa die Hälfte des oberen Managements des Unternehmens aus ehemaligen Lehrlingen und    man sei bestrebt, 100 Prozent der Lehrlinge zu halten – auch um das Wachstum abzudecken. Insgesamt könne man bei Gebrüder Weiss um die 40 unterschiedliche Berufsbilder anstreben. „Für Führungskräfte bieten wir ein 1,5 Jahre langes Curriculum sowie interne Managementausbildung“ nennt Schöpf weitere Möglichkeiten zur Entwicklung und fügt hinzu: „Wir sind ständig bemüht, unseren Ausbildungskatalog an die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter und unseres Umfeldes anzugleichen.“ Ein eigenes Veranstaltungsmanagementprogramm helfe bei der Kurszusammenstellung für den individuellen Karriereweg. „Man muss neues probieren, um Neues zu schaffen“ ist Schöpf überzeugt und verweist auf das jüngste Projekt, den Aufbau eines internen Wissenssystems nach Vorbild von Wikipedia.

Erfolgreiche Jugendarbeit als Basis
Vor wenigen Wochen feierte die DHL Freight, eines der größten Frachttransportunternehmen im europäischen Landtransportgeschäft, ihr 100-jähriges Jubiläum in Österreich und nutzte die Gelegenheit zum Kick-off der internen Freight- Akademie. Heike Sommer, Niederlassungsleiterin bei DHL Freight Kalsdorf, freut sich sehr über diesen Schritt: „Mit dieser Akademie können wir unsere Arbeitskräfte noch besser, strukturierter und damit auch sinnvoller ausbilden als bisher und durch die so erweiterten Karriereperspektiven auch nachhaltig an die Firma binden. Unsere Jugendarbeit war schon immer so ausgerichtet, dass die meisten Lehrlinge im Betrieb bleiben – was natürlich unserer laufenden Expansion entgegenkommt.“ So gebe es auch heute schon einige Leute im Führungskreis, die als Lehrling im Unternehmen angefangen hätten.

Jedem das Seine
Vor Beginn der Schulungen würden Persönlichkeitstests durchgeführt, um das Programm individuell abzustimmen, und jeder Mitarbeiter bekäme danach seinen persönlichen Ordner. Manche Seminare seien für jeden verpflichtend, dann erfolge der Aufbau in den gewählten Bereichen. „Mehrsprachige Mitarbeiter sind natürlich besonders gefragt und werden auch in diese Richtung weiter geschult. Wenn sie wollen, bekommen sie weitere Sprachkurse und können Praktika im jeweiligen Land absolvieren“, geht Sommer ins Detail. Zum Einsatz kämen bei den Schulungen an der für alle im Unternehmen offenen Akademie neben eigenen, speziell ausgebildeten und erfahrenen Mitarbeitern auch externe Trainer. Letztere würden besonders den richtigen Umgang mit Kunden und optimale Gesprächsführung lehren. „Wir wollen unseren Nachwuchs selbst aufbauen. So kann sich jeder auch gut in den Konzern einleben, bei neuen Mitarbeitern kann das sonst eine ganze Weile dauern“, streicht Sommer einen weiteren Vorteil der internen Ausbildung hervor.

Allrounder und Spezialist in einem
Bereits im Jahre 1952 gründete der Visionär Günter Knapp die Firma KNAPP Logistik Automation GmbH mit Firmensitz in Hart bei Graz. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung und Herstellung von computergesteuerter Fördertechnik, Kommissionieranlagen und Warehouse-Management-Systemen spezialisiert und genießt internationale Anerkennung für individualisierte Gesamtlösungen. Um diesen hohen Ansprüchen zu genügen, sind natürlich top-ausgebildete Leute die Grundvoraussetzung. Gottfried Amtmann, der Leiter der Personalentwicklung, ist sich der hohen Anforderungen bewusst: „Wir sind ein technisches Unternehmen, das neben der Produktion auch Consulting anbietet. Die technische Projektentwicklung muss über sämtliche Fachbereiche hinweggehen, deshalb ist auch die Bandbreite der geforderten Qualifikationen sehr groß.“ Da neue Mitarbeiter oft auf ein Gebiet spezialisiert seien, würden diese ein umfangreiches Aufbauprogramm durchlaufen, um effizient arbeiten zu können und mit den fachspezifischen internen Begriffen vertraut zu werden. „Neue Fachkräfte gliedern wir sehr schnell in den Arbeitsprozess ein und stellen ihnen einen erfahrenen Partner als Begleitung zu Seite – damit sie sich schnell einleben können“, erklärt Amtmann. Nach der internen Einschulung gebe es in weiterer Folge Spezialschulungen durch externe Firmen, irgendwann müsse jeder Einzelne für sich festlegen, ob er sich in Richtung Fachkarriere oder eher in Richtung disziplinarisch-organisatorischen Bereich entwickeln wolle. „Die Mitarbeiter können hier frei nach ihren Zielen und Interessen entscheiden, beide Bereiche laufen parallel und bieten die selben Gehalts- und Karrierechancen“, ist Amtmann stolz.

Karriere mit Lehre
Auch bei KNAPP erfährt die Lehrlingsausbildung einen hohen Stellenwert. Amtmann: „Lehrlinge bleiben zu 100 Prozent im Betrieb. Höhere Positionen werden prinzipiell zu einem sehr hohen Prozentsatz intern abgedeckt.“ Aktuell befänden sich über 30 Lehrlinge in Ausbildung, besonders beliebt seien die Berufsbilder Mechatronik-, EDVund Maschinenbautechniker. Das Unternehmen biete den Jugendlichen ein besonderes Modell mit Berufsmatura, optional gebe es auch eine Werkmeisterschule in Richtung Industrietechniker. Zu den weiteren Angeboten würden Schulungen bei ad-hoc-Bedarf zählen: „Dort wo es Sinn macht, führen wir beispielsweise Sicherheitsschulungen oder Staplerkurse durch. So haben wir im Fertigungsbereich ein Bewegungsschulungsprogramm direkt am jeweiligen Arbeitsplatz abgehalten, um die Mitarbeiter zur ergonomisch richtigen Körperhaltung zu animieren“, erklärt Amtmann. Selbstverständlich gebe es zusätzlich im Bereich der Fachkarriere Angebote zum Softskills-Training – wie etwa Sprachkurse – um das Personal für alle Eventualitäten zu wappnen.