Gerade in schwierigen Zeiten lastet große Verantwortung auf dem Einkauf, der als Schnittstelle zwischen dem Absatz- und dem Beschaffungsmarkt fungiert. Das diesjährige BMÖ-Einkaufsforum will helfen, Strategien zur Kostensenkung bei gleichzeitiger Erhaltung der Lieferantenbasis zu finden.

Am Eröffnungstag, dem 7. 10. 2009, erwartet die Teilnehmer gleich zu Beginn der Veranstaltung der Vortrag einer honorigen und bekannten Persönlichkeit der österreichischen Öffentlichkeit. Dr. Franz Fischler, Präsident „Ökosoziales Forum Europa“, wird sich die durchaus spannende Frage stellen: „Bricht Europa durch die Krise auseinander?“ Fischler: „Der teilweise enorme Anstieg der Arbeitslosigkeit, wie etwa in Südspanien, erhöht das Risiko, dass die europäische Gesellschaft in zwei Schichten gespalten wird.“

Spaltung Europas?
Auch andere Spaltungstendenzen bereiten dem ehemaligen EU-Kommissar Sorgen: „Es gibt einen Teil der Bevölkerung, der am Bildungsprozess partizipiert und davon profitiert, während ein nicht zu verachtender Rest übrigbleibt. Die ländlichen Regionen können oft mit der urbanen Entwicklung nicht mithalten, wodurch es zu einer Entleerung dieser kommt. Und auch die Generationenkluft wird wachsen, Europa vergreist zunehmend, da sind Spannungen unvermeidlich.“ Hinzu käme möglicherweise ein religiöser Konflikt, da muslimische Familien zumeist mehr Kinder hätten und somit ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wachse, gleichzeitig aber die aktuellen Bemühungen zur Integration und Assimilation dieser Menschen bei Weitem nicht ausreichten. „Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, gibt es verschiedene Lösungsansätze. Einer davon ist die Kohäsionspolitik, schwachen Regionen sollte gezielt unter die Arme gegriffen werden. Ein anderer Punkt ist, Innovationen allen zugänglich zu machen und besonders den Kleinen zu helfen. Auch gezielte ländliche Entwicklungspolitik ist dringend nötig. Die Maßnahmen müssen gleichermaßen auf europäischer, staatlicher und regionaler Ebene ergriffen und umgesetzt werden“, ist Fischler überzeugt. Seiner Meinung nach wäre es sozialpolitisch sehr vernünftig, jene Bevölkerungsschichten, die nicht vom Wirtschaftswachstum profitierten, an diesem doch zu beteiligen. Dem Einkaufsforum blickt er mit freudiger Erwartung entgegen: „Foren sind sehr wichtig, wenn sie ihrem Namen Ehre machen. Der Ursprung liegt im lateinischen für Marktplatz, und ein reger Austausch von Informationen, Ideen und Neuigkeiten und die Möglichkeit, seinen Bewusstseinsstand anzugleichen, sind immer wertvoll.“ Beim anschließenden Abendessen bietet sich hierfür garantiert die eine oder andere Gelegenheit.

Blick in die Zukunft
Der zweite Veranstaltungstag beginnt mit einem kleinen Blick in die Kristallkugel. Zuerst versucht Dipl. Ing. Herbert Paierl, Präsident Management Club Österreich, in seinem Vortrag „die Wirtschaft Europas nach 2010“ zu beleuchten. Gleich im Anschluss liegt der Fokus dann wieder auf heimatlichen Gefilden, wenn Dr. Ewald Walterskirchen vom WIFO seine Ansichten zum Thema „Österreichs Wirtschaftsentwicklung 2010 und danach“ präsentiert. Auch Dr. Harald Sommerer von der AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG nimmt Bezug auf die aktuelle Lage zu „Strategische Unternehmensführung im wirtschaftlich schwierigen Umfeld“.

Nach der Pause geht es ans Eingemachte, denn Prof. Dr. Claus Gerberich, von Gerberich & Partner und der FH-Worms, gibt wertvolle Tipps zum Thema „Wie Sie Ihre Wertschöpfungskette an veränderte Absatz- und Beschaffungsmärkte flexibel anpassen“. Agieren statt reagieren sollte das Motto laut Werner Kalbfuß von der Carl Zeiss AG heißen: „Mit Kennzahlen und Controlling im downturn den upstream vorbereiten & managen“ bedeutet für ihn mehr als nur eine leere Phrase: „Der Einkauf ist wie ein Pilot bei schlechtem Wetter, er muss dafür sorgen, dass die Maschine sicher durch die Turbulenzen kommt, und ohne ihn kommt es zu einer Bruchlandung“. Die in seinem Vortrag vorgestellten Strategien basieren auf einer Grundaussage: „Ohne Transparenz geht nichts“, ist Kalbfuß überzeugt. Wenn diese gegeben sei, sei es wichtig, eine offene, ehrliche Kommunikation mit den Lieferanten zu suchen und fixe Spielregeln für die Partnerschaft aufzustellen.

„Der Einkauf wird zum Ergebnisgestalter im Unternehmen, schon lange reicht das Betreiben einer reinen ‚Bestellschreibstube‘ nicht mehr aus. Einkaufserfolge wirken sich direkt positiv auf das Betriebsergebnis aus“, fordert er mehr Initiative. Allerdings sei dafür auch ein gut ausgebildetes Team von Nöten. Um gegen die Angst vor der Krise anzukämpfen und das Vertrauen zu den Lieferanten und umgekehrt zu stärken, empfiehlt er gemeinsame Projekte: „Durch das Über- oder Nebeneinanderlegen von Prozessen lassen sich viele Einsparpotenziale finden. Die durch das Benchmarking gewonnene Ersparnis sollte dann fair, zu gleichen Teilen, zwischen beiden Parteien aufgeteilt werden. So entsteht das nötige Vertrauen, um zusammen die Krise zu überstehen.“ Natürlich sei das ein langwieriger Prozess und brauche Zeit, das wisse er aus Erfahrung: „Zu unseren Lieferanten zählen viele mittelständische Unternehmen, da dauert es sehr lange, bis das Vertrauen da ist. Allerdings bleibt es dann auch bestehen. Ohne Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten ist es vielleicht sogar ein unmögliches Unterfangen.“ An der Wichtigkeit des Einkaufs hegt er keinerlei Zweifel, denn immerhin resultierten 60 Prozent der Gesamtleistung produzierender Unternehmen aus dem Einkauf. Daher sollte man auch stets die Zahlen im Auge behalten: „Wer seine Einkaufskennzahlen mit ‚economic added values‘ verknüpft, hat den Überblick, und der ist heutzutage oft ein Schlüssel zum Erfolg.“

Über „Professionelles Risk Management – Gefahren erkennen, bewerten und gegensteuern“ spricht anschließend Prof. Dr.-Ing. Andreas R. Voegele von der CON MOTO Consulting Group Ges.m.b.H, ehe sich die Teilnehmer beim gemeinsamen Mittagessen das Gehörte noch einmal durch den Kopf gehen lassen können. Die Stärkung ist auch nötig, denn am Nachmittag wartet eine schwierige Entscheidung: nämlich die Auswahl des persönlichen Favoriten aus den mehreren parallel laufenden Expertenforen unter dem Motto „Best Practice im Einkauf in schwierigen Zeiten“. Den abschließenden Gesamtvortrag hält Dr. Dietmar Kirchner von der Deutschen Lufthansa AG, der garantiert einige Weisheiten zum Thema „Einsparungspotenziale rechtzeitig nutzen – nicht nur in Krisenzeiten“ parat hat. Zum Ausklang findet die sehnsüchtig erwartete Verleihung des „Austrian Supply Excellence Award 2009“ statt, Prof. Dr.-Ing. Michael Zeuch wird die stimmungsvolle Laudatio halten. Gleich darauf steht einem angenehmen, geselligen Abendessen nichts mehr im Wege.

Der dritte Tag
Gleich um 9 Uhr steht ein etwas heikles Thema auf dem Programm: „Lieferanten steuern – Lieferverträge an die veränderten Auftragslagen anpassen“, präsentiert von Dr. Thomas Weiland von der H. Butting GmbH. Auch der Beitrag von Dietmar Dresp von der Andritz AG, „Strategisches Beschaffungsmanagement in wirtschaftlich turbulentem Umfeld“ verspricht, alles andere als langweilig zu werden. Schließlich zeigt Marco Knuist von der Arvin Meritor, Inc. auf, wie „Wirksames Krisenmanagement mit Lieferanten“ funktioniert.

Nach der Kaffee- und Tratschpause erläutert Univ. Prof. Dr. Wolfgang Stölzle von der Universität St. Gallen „Aktuelle Herausforderungen an das Supply Chain Management“, ehe es mit Prof. Dr. Holger Rust, Professor für Wirtschaftssoziologie, Publizist und Konsulent etwas philosophischer wird: „Die Welt danach – welche neuen Werte brauchen wir wirklich?“ Damit bereitet er gleichzeitig das Terrain für das folgende Expertenpanel auf: „Die Welt danach – braucht Europa einen neuen Ordo-Liberalismus? Die Ökonomie nach dem Crash“, moderiert von Dkfm. Milan Frühbauer vom Manstein Verlag. Mit dem Beitrag von Gerd Kerkhoff, von der Kerkhoff Consulting GmbH, „Perspektiven 2015: Europas Wirtschaft nach der Krise“ endet der inhaltliche Teil des Österreichischen Einkaufsforums 2009, ein anschließendes gemeinsames Essen lädt noch ein letztes Mal zum Austausch. Doch keine Sorge, das Einkaufsforum 2010 kommt bestimmt.

Quelle: Logistik express Ausgabe Nr.3|2009