Im zweiten Quartal sind die Verkaufszahlen in Österreich real um 3,3 Prozent zurückgegangen. Der KfZ-Handel verliert mit 17,3 Prozent massiv. Starke Verluste müssen auch die Lebensmittel-, Möbel- und Elektrohändler verkraften. Selbst der eCommerce-Boom ist vorläufig vorbei.

Beitrag: Rainer Will.

Der österreichische Handel musste im zweiten Quartal 2022 laut Statistik Austria einen inflationsbereinigten Umsatzrückgang von 3,3 Prozent verkraften. Im Lebensmitteleinzelhandel liegt das Minus bei 5,1 Prozent, im KfZ-Handel sogar bei 17,3 Prozent. Der preisbereinigte Halbjahresvergleich für 2022 zeigt für den gesamten Handel keine Umsatzveränderung. Allerdings hatten die heimischen (Non-Food-)Handelsbetriebe im ersten Halbjahr 2021 noch bis zu 8 Lockdown-Wochen geschlossen. Daher wird hier tatsächlich ein dickes Minus verzeichnet.

Situation im KfZ-Handel dramatisch.
Summa summarum verzeichnete der Handel heuer im zweiten Quartal in fast allen Warengruppen deutliche Verluste aufgrund der multiplen Krisen, die einen massiven Kaufkraftrückgang ausgelöst haben. Das dickste Minus verzeichnet der Autohandel, bei dem die Umsätze in Q2 im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Fünftel eingebrochen sind. Für die Branche ist das ein Kahlschlag sondergleichen. Im Lebensmitteleinzelhandel zeigt das Minus deutlich, dass sich drei Viertel aller Menschen inflationsbedingt auf den Kauf günstiger Lebensmittel beschränken müssen.

Die neuesten Zahlen der Statistik Austria und das jüngste Konsumbarometer des Handelsverbandes bestätigen die dramatische Lage im Handel, auf die der Handelsverband schon seit Monaten hinweist. 83 Prozent der Bevölkerung bereitet die Teuerung große Sorgen. Bereits ein Viertel der Menschen hat Konsumschulden, ein Fünftel muss sich auf den Kauf lebensnotwendiger Güter beschränken. Die Verdoppelung der Insolvenzen ist ein erstes Resultat dieser Effekte. Wenn die Politik nicht rasch gegensteuert, droht 6.000 Handelsbetrieben bis Jahresende die Schließung.

Onlinehandel: Boom vorbei.
Bereits jetzt ist klar, dass viele Geschäfte des nicht-lebensnotwendigen österreichischen Handels im vierten Quartal einen Überlebenskampf führen werden. Der Flächenschwund im Non-Food-Handel – minus 500.000 Quadratmeter in 2021 – wird sich heuer wegen der Energiekrise und der Teuerungswelle eklatant beschleunigen. Laut einer bundesweiten Befragung des Handelsverbandes wird im Gesamtjahr 2022 fast die Hälfte der österreichischen Händler aufgrund der explodierenden Kosten für Strom und Gas einen Verlust erwirtschaften, wobei insbesondere KMU-Betriebe betroffen sind. 60 Prozent der kleinen und mittelgroßen Handelsbetriebe haben bereits mit einem Investitionsstopp reagiert.

Hinzu kommt: Selbst der Onlinehandel, Wachstumskaiser in der letzten Dekade und gallisches Dorf während des ersten Coronapandemie-Jahres, kommt inflationsbedingt ins Straucheln. Im zweiten Quartal 2022 sind die Umsätze hierzulande um 4,8 Prozent eingebrochen. Der eCommerce-Boom ist bis auf weiteres vorbei. Der Handelsverband Österreichs fordert Energiekostenzuschuss für alle Händler.

Fazit: Die Energie-Krise, der Ukraine-Krieg, die höchste Inflationsrate seit 1975, der schwache Euro und die pandemiebedingten Kapazitätseinschränkungen in Asien stellen für den österreichischen Handel, der in Österreich 600.000 Mitarbeiter beschäftigt, eine existenzielle Bedrohung dar. Die Herausforderungen werden sich 2023 noch verstärken, wenn die Energiepreiserhöhungen bei den Konsumenten und Unternehmen voll schlagend werden und die verfügbare Kaufkraft weiter sinkt. 6.000 Händler geben an bis Jahresende zu schließen, daher braucht es eine zeitnahe politische Reaktion auf diese Ausnahmesituation, auch um Stadt- und Ortskerne zu erhalten.

Der Handelsverband fordert erstens einen Energiekostenzuschuss für alle Handelsbetriebe, zweitens eine umfassende Arbeitsmarktreform, um dem Personalmangel entgegenzuwirken, drittens eine durchgängige Abgaben- und Gebührenreform, insbesondere die Abschaffung der Mietvertragsgebühr, und viertens eine weitere substanzielle Senkung der Lohnnebenkosten zur Entlastung der österreichischen Unternehmen. (RED)

LOGISTIK express Journal 4/2022