Die „TWLogistik“ ist die traditionelle Logistikkonferenz des VdWT – Vereins der Wirtschaftsingenieure für Transportwesen, die seit Vereinsgründung 1983 jährlich in Bremerhaven stattfindet. Im vergangenen Jahr wurde dieses Veranstaltung Corona-bedingt durch eine Woche digitaler Vortragsabende substituiert. Nun im 37. Jahr fand diese nun wieder live vor Ort in Bremerhaven statt und war ausgebucht.

Redaktion: Bernd Kratz.

Ein Zeichen, dass einerseits die Logistiker sich mit Kollegen der Branche wieder persönlich austauschen möchten, andererseits weil hochaktuelle Themen erörtert wurden: Am ersten Tag präsentierten diverse Logistiker, wie Sie Corona bewältigt haben, der Folgetag fokussierte auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung unter der Fragestellung: „Smarte Logistik = Digitalisierung + Nachhaltigkeit. Geht diese Formel auf?“

Corona kam ohne Vorankündigung, so dass sich die Branche schnell auf die neue Situation einstellten musste. Dieses bestätigte auch Fokke Fels, Vorstandsvorsitzender der L.I.T. AG, ein Logistikunternehmen mit über 3.000 LKW. „Anfangs haben wir uns mit adäquaten Maßnahmen gut an neuen Gegebenheiten anpassen können, doch dann kamen die  Auswirkungen des Brexit und der Fahrermangel. Schwierig wurde es dann, als komplette Branchen und damit auch das Transportvolumen von heute auf morgen wegbrach.“ Dieses konnte auch Christian Distelkamp aus der Geschäftsleitung der abat AG bestätigen.

„Als die Automobilbranche anfangs komplette Werke schließen musste und kurz danach auch die Verwaltungen, lagen unsere Beratungsaufträge erst einmal auf Eis“. Auch das Havariekommissariat Battermann & Tillery musste schnell auf „die anfangs ohne Vorwarnung 30 % niedrigere Auftragslage reagieren“, so der Geschäftsführer Nico Nöldner. Stefan Schröder, Geschäftsführer Gesellschafter der LNC konnte anfangs „Business as usual“ betreiben, musste wenig später aber auch auf virtuelle Formate umstellen, was er kurzerhand durch die Etablierung eines eigenen digitalen Studios professionalisierte. Demgegenüber konnte sich die Oskar Schunck GmbH, so Regionalleiter Martin Heisig „vor Arbeit nicht retten – Versicherungsfälle in nicht geahntem Ausmaß und Fragestellungen, welche Schadensfälle in einem völlig neuen Umfeld versichert seien“. Ganz anders beschrieb Dr. Christian Mießen, INFORM GmbH die Situation: Während Künstliche Intelligenz in vielen Bereichen der Logistik zunehmend effizient genutzt werden kann, war dieses System in der Pandemie hilflos „Es fehlten jegliche Erfahrungsdaten, auf die KI hätte referenzieren können“.

Bernd Kratz, 1. Vorsitzender des VdWT resümierte, dass in solchen Notlagen „Jammern keine unternehmerische Aktivität sei“ und stellte damit auch einen Appell an anwesende Dozenten und Studenten, die Fähigkeiten zum innovativen sowie flexiblen Denken und Handeln in die akademische Ausbildung zu integrieren.

Der Folgetag startete mit Konzepten der Nachhaltigkeit, praktiziert in der Metropolregion NordWest. Dr. Claudia Schilling, Senatorin der Freien Hansestadt Bremen zeigte die Zukunft von Wasserstoff im Hafen als Teil des Green Deals auf, gefolgt von innovativen Konzepten für nachhaltige Logistik- und Versorgungsstrukturen. In diesem Zusammenhang stellte Prof. Dr. Benjamin Wagner vom Berg vor, wie durch das von ihm an der Hochschule Bremerhaven initiierte Projekt “NaCL – Nachhaltige Crowd Logistik” einerseits Sendungen umweltfreundlich zum Empfänger gelangen, andererseits mit dem Nachfolgeprojekt “R3 – Resilient Regional Retail” ein Schritt gegen das Aussterben der Innenstädte gegangen wird – der anfänglich theoretische Ansatz von NaCL wurde bereits im vergangenen Jahr in Bremerhaven erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Hyways for Future – Gasspeicherkonzepte und klimaneutraler Lastenverkehr mit Wasserstoffantrieben – hiervon sind Burkhard Oppmann, Geschäftsführer und CSO der FAUN-Gruppe sowie André Engbrecht, EWE GASSPEICHER überzeugt.

Bernd Kratz führte in den nächsten Themenblock: „Aktuell erleben wir in Deutschland eine Paketflut, vorrangig getrieben durch den eCommerce, die auch nach den Corona-bedingten Lockerungen und Öffnungen im stationären Handel nicht abebbt. Studien erwarten weiterhin Zuwachsraten im 2- stelligen Prozent-Bereich – und zwar jährlich“. Dieses stellt die KEP-Branche weiterhin vor hohe Herausforderungen, nicht nur bundesweit, sondern auch in der Metropolregion Nord-West. Jan Fitzner veranschaulichte bildlich, wie er als Geschäftsführer der CitiPost Nordwest dem Verkehrskollaps, Parkplatzmangel, Lärm, Schadstoffbelastung mit Digitalisierung und „Micro Hubs“ auf der letzten Meile begegnen möchte.

Marko Schlüter, Geschäftsführer der Hermes Germany hat eine klare Vision der CO2-freien Paketzustellung. „Mit Green Delivery Berlin haben wir eine Blaupause geschaffen, die auch auf andere Städte ausgerollt werden wird; dabei gilt es, die unterschiedlichen Module, aus denen das Konzept besteht, für die jeweilige Situation vor Ort/die Gegebenheiten der Städte individuell zusammenzusetzen“.

Einen digitalen Weg beschreitet Tiramizoo aus München: Mit der neuen Strategie einer Routenoptimierung und damit CO2-Reduzierung auf Basis einer SaaS-Plattform konnte das Unternehmen in den letzten 2 Jahren ein starkes Wachstum generieren. „Des Weiteren sind Tochtergesellschaften für Singapur, Malaysia und Polen als auch ein Ausbau der Aktivitäten in Europa hinzugekommen“, so Martin Sträb, CEO der Tiramizoo GmbH. Inwieweit werden Logistikzentren nachhaltig designed? Hier zogen die die Referenten des letzten Diskussionsblocks ein einheitlich positives Resümee. Die BLG Handelslogistikk betreibt seit kurzem ein neues Logistikzentrum für PUMA in Unterfranken. „Hier in Geiselwind setzen wir Maßstäbe im Bereich Automatisierung, Flexibilität, Skalierbarkeit und Nachhaltigkeit“, so Danilo Georg, Director Operations. Peter Bimmerman präsentiert das Auto-Store-System als eine nachhaltige Variante, da „deutlich weniger umbauter Lagerraum benötigt wird und dieser muss weder beleuchtet, belüftet und in der Regel auch nicht geheizt werden“. Sebastian Girle, Head of National Innovation bei Kühne + Nagel stellte einige Beispiele seiner Sustainable Packing Initiative vor: Packing on Demand, nachhaltige Füllmaterialien, etc. „Alleine durch unser Projekt Folienoptimierung sparen wir an 34 Kontraktlogistikstandorten jährlich 400 Tonnen Folien“.

Aber auch die zu Beginn der Pandemie komplett eingestellte und nun wieder anlaufende Kreuzschifffahrt wurde – wenngleich auch keine direkt logistische, aber unter Umweltgesichtspunkten stark in der Kritik stehendes Branche – nicht außer Acht gelassen. Prof. Dr. Dr. Alexis Papathanassis als langjähriger Insider dieser Branche überraschte hier mit einigen detaillierten Daten – schließlich stellt die Kreuzschifffahrt konkret für Bremerhaven, dem Ort der TWLogistik, einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor dar. Vor diesem Hintergrund nahmen zahlreiche Teilnehmer der Veranstaltung dann die Gelegenheit wahr, mit einer alten Kogge, der „Ubena von Bremen“ einige Stunden auf die Weser hinauszufahren – teilweise mit gehissten Segeln völlig CO2-neutral. (BK)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 4/2021