Man hört und liest viel über Russland, für manche ist es Chance, für andere Bedrohung. Gräbt man jedoch etwas tiefer und spricht mit den richtigen Leuten, stößt man auf gar erstaunliche Zusammenhänge. Logistik Express auf der Suche nach Wahrheit. TEXT: ANGELIKA THALER

Wie so oft im Leben muss man zum Verstehen der Gegenwart und aktueller Ereignisse den Schritt zurück wagen, um die Vergangenheit zu beleuchten. Russland entwickelte sich nach der Oktoberrevolution von 1917 zu einer kommunistischen Weltmacht, der Sowjetunion, die bis 1991 bestand und gleich nach dem Ende des II. Weltkriegs in den sogenannten Kalten Krieg eintrat, um zum erbitterten Gegenspieler einer zweiten Weltmacht – den USA, zu werden. Zu Spitzenzeiten erstreckte sich die Sowjetunion über 22,4 Millionen Quadratkilometer voller Bodenschätze wie Öl, Gas, Kohle, Eisen oder Gold – Grund genug, von anderen mit gewissem Neid beäugt zu werden. Verfolgte die Sowjetunion gegen Ende des zweiten Weltkriegs noch gleiche Ziele wie die Amerikaner und wurde ein Teil der Alliierten, änderten sich später die Anschauungen, wenige Jahre darauf standen der westlichen NATO der Warschauer Pakt und der Comecon gegenüber – und das Wettrüsten begann. In manchen Punkten waren die Amerikaner überlegen, in anderen technischen Aspekten – beispielsweise Trägerraketen, Wasserstoffbomben und Raumfahrt – hatten die sowjetischen Ingenieure die Nase vorn. Der Waffen- und Technologiehandel blühte (ebenso wie die Spionage), mit der Wirtschaft ging es zumindest teilweise bergauf. 1985 trat Michail Gorbatschow das Amt des Parteichefs und läutete den Beginn der Öffnung gen Westen ein. Von da war es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Auflösung der Sowjetunion am 8. Dezember 1991. Und mit einem Schlag war plötzlich alles anders. 

Des einen Leid, des andren Freud
Im plötzlichen machtpolitischen Chaos, konfrontiert mit enormen Gebietsverlusten, verlor das jetzige Russland viele der lukrativen Waffenverträge – derer sich die Amerikaner mit Freuden annahmen. Zur Stabilisierung und Wiederbelebung der Wirtschaft engagierte Russland die sogenannten „Chicago- Boys“, amerikanische Berater. Leider setzten sie sich damit selbst die sprichwörtliche Laus in den Pelz, denn ein erstarkendes Russland konnte Amerika, nunmehrig alleinige Weltmacht, überhaupt nicht brauchen. Zusätzlich litt Russland unter der CoCom-Liste (Coordinating Committee on Multilateral Export Controls), die ihm die Importe moderner Technologie (für Waffen, Industrie- und Nuklearanlagen) unmöglich machten, sowie unter der Stärkepolitik Reagans gegen kommunistische Staaten. So war es beispielsweise auch österreichischen Unternehmen verboten, selbst entwickelte Technologieprodukte nach Russland zu liefern – unter Androhung internationaler (amerikanischer) Sanktionen. Eine Weltmacht steht schließlich nicht unter internationalem Recht…. Oftmals geriet Russland aufgrund der staatlich regulierten Energiepreise in die Kritik, doch in einem Land, in dem Chaos herrscht und das Planwirtschaft gelebt hat, hätte eine unkontrollierte Marktfreigabe den Ruin bedeutet…. Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise durchaus ein interessanter Aspekt. 

Geografische Herausforderung 
Russland ist überaus reich an Bodenschätzen, die sich allerdings auf die Weite des Landes verteilen. Was viele jedoch vergessen: ein Großteil des Landes liegt sehr weit im Norden, die unwirtlichen Verhältnisse machen Besiedelung nahezu unmöglich. Im Vergleich dazu ist Amerika geopolitisch begünstigt, liegt an gleich zwei großen Weltmeeren. Im Norden Russlands hingegen herrschen acht Monate Winter pro Jahr, danach müssen sämtliche Straßen neu asphaltiert werden – verbunden mit enormem finanziellem Aufwand. So dünn wie die Population in diesen Regionen ist auch das Infrastrukturnetz gesät. Auch heute werden beispielsweise Bodenschätze des Timangebirges im Norden des Landes nicht abgebaut, neben notwendigen Investitionen in die nicht vorhandene Infrastruktur stellt besonders das extreme Wetter dieser Gegend derzeit unüberwindbare Herausforderungen dar. 

Die etwas andere Demokratie 
Demokratie – beziehungsweise das, was wir Westeuropäer darunter verstehen – gab es in der langen Geschichte Russlands nie. Zwar gab es unter Jelzins Führung erste Schritte, beispielsweise die Meinungsfreiheit, doch weder Polizeiapparat noch Zollwesen oder andere Staatsorgane funktionierten reibungslos, noch nagte das Land an den Folgen der Auflösung. Die wachsende Sehnsucht der Bevölkerung nach Ordnung und Führung schien sich in Gestalt von Putin endlich zu erfüllen. Erst langsam entwickelt sich eine Mittelschicht, durch den Zerfall hat Russland nicht nur den Zugang zu Südhäfen, sondern auch genau jene Regionen verloren, die durch die klimatisch bessere Lage dichter besiedelt waren. Für uns unvorstellbar, leidet ein Großteil der Bevölkerung seit der Wende nicht nur unter dem Statusverlust, sondern auch unter dem Ende der Planwirtschaft: vielen ging es im Kommunismus besser, jeder hatte Arbeit, für alle wurde gesorgt. Natürlich entsteht wieder etwas, doch bei so einem riesigen Land wird das noch viele Jahre in Anspruch nehmen. 

Chance und Risiko 
Putins starke Hand führte zu einer gewissen Stabilisierung, die hohen Einnahmen durch gestiegene Energiepreise lassen die einstige wirtschaftliche Stärke langsam zurückkehren. Was fehlt, sind ordentliche Strukturen, die Technologie muss erst mühsam wieder aufgebaut werden. Westeuropa hat nun die Möglichkeit, aus einer gewissen Verzahnung mit der russischen Wirtschaft zu profitieren, muss aber auf der Hut sein, sich nicht in die Abhängigkeit zu begeben. Derzeit ist Deutschland der wichtigste strategische Partner Russlands, vielleicht auch aufgrund der florierenden Partnerschaft voriger Jahrhunderte. Österreich ist auch beliebt – es ist klein und ungefährlich, weit entfernt vom Status einer Weltmacht wie Amerika. Nicht umsonst wählten viele Oligarchen in den letzten Jahren Wien als Wohnort. Jetzt ist der geeignete Zeitpunkt, durch Beteiligungen in der Wirtschaft Fuß zu fassen, denn hier gibt es noch große Lücken. Gleichzeitig könnten wir uns dadurch Energielieferungen sichern, von deren Bezug der Wirtschaftsstandort Österreich abhängt. Zwar liegt die Vermutung nahe, dass große Ölkonzerne längst Alternativen zu Erdöl im Petto haben, diese jedoch aus Profitgier in gut gesicherten Tresoren verwahren. Damit Europa im Wettbewerb mit Amerika, aber auch mit Asien bestehen kann, müssen wir alle an einem Strang ziehen. Russland hier außen vor zu lassen, grenzt an Fahrlässigkeit. Im Gegenteil, die Union der 27 muss endlich eine gemeinsame Strategie entwickeln und auch konsequent verfolgen – nur dann werden wir – immerhin gut 500 Millionen Menschen – auch endlich als gleichwertiger Partner ernst genommen. 

Richtiges Vorgehen 
Der optimale Weg, in Russlands Wirtschaft Fuß zu fassen, führt aktuell über Beteiligungen. Private Projekte funktionieren oftmals ausschließlich mit starken russischen Partnern, die über Bekanntheit und ein strategisches Netz vor Ort verfügen. Allfällige Probleme – etwa bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, Unklarheiten bei Ämtern oder Ähnliches – werden so vermieden oder wesentlich leichter geklärt, und zwar nicht nur aufgrund der nicht vorhandenen Sprachbarriere bei einheimischen Partnern. Zwar ist die Suche manchmal mühsam, zahlt sich aber aus – denn hat man den richtigen Partner gefunden, zählt hier noch ein Handschlag (vielleicht in Verbindung mit einem oder zwei Gläschen), um Geschäfte zu besiegeln. Vertraut man jedoch auf den Falschen oder versucht alleine sein Glück, kann man ganz schnell „verloren sein“ und eine Menge Geld verlieren. Auch die Politiker täten gut daran, an Partnerschaft zu denken. Denn die zukünftige Friedenssicherung führt über die Kooperation mit dem auch militärisch erstarkten Weltfaktor Russland. Was bei dem Schritt nach Russland auch beachtet werden muss, ist die im Vergleich zu Österreich doch andere Gesetzgebung. Wesentlich hierbei ist etwa das relativ neue und stark umstrittene Gesetz vom 29. April 2008, das Auslandsinvestitionen in 42 „strategischen Bereichen“ regelt. Zu diesen Bereichen zählen neben Öl, Gas und anderen Bodenschätzen auch Kernkraft, Fischerei und die Medien. Um mehr als 50 Prozent Anteil an einem Unternehmen in diesen Branchen halten oder erwerben zu dürfen, ist eine Sondergenehmigung der Regierung notwendig. Ausländische Regierungen oder deren Unternehmen dürfen keinesfalls die Kontrolle (weder direkt noch indirekt) über russische Firmen in einem der strategischen Bereiche besitzen, noch strengere Richtlinien gelten bei strategisch interessanten Grundstücken (mit Bodenschätzen oder welche in Grenznähe). Generell sind die Investitionen also nicht verboten, über die Genehmigung wird von Fall zu Fall entschieden. Fazit: wer gut überlegt, die richtigen Kontakte pflegt und gründlich vorbereitet den Markteintritt oder die Investition wagt, wird es kaum bereuen.