Es hat eine Schülerin aus dem hohen Norden gebraucht um der Welt zu zeigen, der Heilige Gral des Kapitalismus, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), in der bisherigen Form, ist am Ende.

Redaktion: Peter Baumgartner.

Die Auswirkungen des grenzenlosen Wachstums können von den Entscheidungsträgern nicht mehr ignoriert werden, wenn selbst Kinder aus Furcht vor der Zukunft auf die Straße gehen. Erwachsene Demonstranten konnte man lange als Wollpulli tragende Spinner abtun und auf Erwachsene kann man gelegentlich auch hin dreschen (lassen), wenn sie es gar zu bunt treiben. Aber wie bändigt man Kinder? Verbieten bewirkt bekanntlich das Gegenteil und von der Straße prügeln geht gar nicht, denn wie man weiß, Kindermund tut Wahrheit kund. Also begibt man sich jetzt auf die Suche nach den Schuldigen und sucht Lösungsansätze, die das anscheinend unausweichliche Desaster in letzter Sekunde vielleicht doch noch mildern kann.  Aber hier ist Aufmerksamkeit gefordert, denn die Schuld liegt oft im Auge des Betrachters.

Kindermund tut Wahrheit kund.
Noch werden die vermeintlich Schuldigen an der Klimakatastrophe allgemein in Überbegriffen benannt. Die Industrie, der Verkehr, der Hausbrand, die Landwirtschaft usw. Jeder kann, muss sich aber nicht betroffen fühlen. Nur die Kühe stehen schon personifiziert am Pranger, weil sie ihre Abgase nicht beherrschen können. Es wird aber nicht mehr lange dauern, dann steht jeder am Pranger und muss sich für sein Handeln verantworten.

Schon heißt es „wir“ müssen alle einen Beitrag zum Klimawandel leisten. Damit wird bereits jeder und jede zum potentiell Schuldigen erklärt – aber noch nicht beim Namen genannt. Bevor das passiert und ein Schuldspruch gefällt wird, lohnt es sich unter die Oberfläche zu schauen. Und hier sollte es – anders als vor dem Richter – nicht nur um ein Urteil, sondern auch um Gerechtigkeit gehen. Sonst enden wir in einer Ökodiktatur, wo sich Teile der Gemeinschaft mit „beschränkter Haftung“ aus der Verantwortung schleichen. In die Richtung einer Ökodiktatur geht es zum Beispiel bereits, wenn „wir alle“ ein E-Auto kaufen sollen, aber ja keinen Kilometer weniger fahren dürfen. Damit können „wir“ einen Beitrag leisten, aber nicht für den Klimaschutz. Wenn der benötigte Strom für 100 Prozent E-Mobilität aus der Kernenergie oder endlichen Energiestoffen kommt, nützt das der Energiewirtschaft, nicht der Umwelt.

Auch die Logistik wird unter dem Überbegriff schon längst als schuld am Klimawandel angeprangert. Immer mehr LKW verursachen Luftverschmutzung, Stau, Unfälle und Infrastrukturschäden. Glasklar, die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache und in der Zeitung steht es auch täglich. Die Logistik ist schuldig! Noch dazu hat der Verkehrssektor einen erheblichen Anteil am BIP und treibt uns mit dem grenzenlosen Wachstum direkt in das Design by Desaster. Aber sind der LKW, der Verkehr und die Logistik im eigenen Wirkungsbereich wirklich allein schuld am Anteil der Klimaänderung.

Oder sind es vielleicht auch immer mehr Konsumenten, die jeden Konsumartikel möglichst Same Day Delivery haben wollen und weil die Schuhe nicht passen, auch postwendet wieder retour schicken? Oder ist es vielleicht die Industrie, die für sich selber einen erheblichen Anteil am BIP hat und für das Wegwerfen produziert, was vorher um die halbe Welt transportiert wird? Oder ist es vielleicht die verladende Industrie, die fast leere LKW durch die Gegend schickt? Oder muss man sich vielleicht auch überlegen, welchen Anteil der Handel am überbordenden Verkehr hat? Immerhin ist es für den Handel sehr verlockend, wenn der Schnittlauch aus Israel inklusiver Transportkosten noch immer billiger ist, als aus dem Marchland.

Die fulminanteste Dummheit findet natürlich auf oberster Ebene in der EU statt: Warum sagt man, der freie Warenverkehr ist eine tragende Säule der Gemeinschaft, praktiziert aber in Wahrheit die freie Wahl der Verkehrsmittel? Dummheit kann das eigentlich gar nicht sein, denn dann müsste man davon ausgehen, dass mehrheitlich Tölpel am Werk sind. Bei allen Schweinereien ist es für die Verteidiger der „freien Marktwirtschaft“ nur wichtig, immer das „Wir“ in den Vordergrund zu stellen. Wir sind schuld, wir müssen uns ändern, wir sollen dies oder jenes machen. Wir produzieren x-Kg Müll sagt die Statistik, damit wir uns ja nicht aus dem Schuldgefühl befreien können. Richtig und gerecht ist aber, die außer Rand und Band geratene Wirtschaft mit dem BIP-Dogma produziert Müll ohne Ende und wir alle bezahlen dafür – mehrfach.

Mit ein wenig Unvoreingenommen und der Bereitschaft nachhaltige Lösungen zu finden, lassen sich Probleme besser lösen und die Last kann gerecht auch alle Schultern verteilt werden. Vielleicht lässt sich damit nicht nur die Umwelt retten, sondern auch gleich das Problem Fahrermangel und desaströse Arbeitsbedingungen beseitigen.

Weniger bekannt und kaum in den Verdacht eines Schuldigen kommt der Staat mit seinen untergeordneten Institutionen, wenn es um die Frage geht, welchen Anteil die Logistik am Klimawandel hat. Ein typisches Beispiel ist die Raumordnung wo sich die öffentlichen Institutionen heimlich aus der Verantwortung stehlen. Der Gesetzgeber überantwortet die Raumordnung weitgehend den Bürgermeistern, die mit dieser Verantwortung völlig überfordert sind. Die ureigensten Interessen einer Gemeinde sind die Gemeindeeinnahmen, die sie für ihre Verpflichtungen in Ermangelung eines innovativen Finanzausgleiches brauchen und die sie daher zu einem großen Teil über die angesiedelten Unternehmen lukrieren. Folglich steht für jeden Bürgermeister die Betriebsansiedlung in der Rangliste weit vor dem Umweltschutz. Noch dazu steht jede einzelne Gemeinde in Konkurrenz zu anderen Kommunen bundesweit. Wer also die Hose runter lässt, schnell und billig Industriefläche zur Verfügung stellt, macht das Rennen.

Ein Beispiel: Die kleine Gemeinde Liebenfels in Kärnten liegt an einer eigentlich ausgelasteten einspurigen Bahnstrecke, mit vielen unbeschrankten Kreuzungen und an einer gefährlichen, kaum ausbaubaren Bundesstraße mitten im Wasserschongebiet in einer idyllischen Tallandschaft. Die Gemeinde hat also keine Verkehrsinfrastruktur für große Betriebsansiedlungen. Aber sie hat Flächen und die Bereitschaft, diese quasi umsonst zur Verfügung stellen zu wollen. In Spuckweite entfernt von Liebenfels liegt die Konkurrenzgemeinde St. Veit. Die liegt an der Südbahn und hat eine Schnellstraße mit guter Anbindung an das hochrangige Straßennetz und zum Flughafen. St. Veit hat sogar zwei perfekt gewidmete Industriegebiete direkt an der ausgezeichneten Verkehrsinfrastruktur.

Jetzt kommt ein Industrieunternehmen und möchte in der Region die weltweit größte Produktion von Solarpanelen bauen. Preisfrage: Wer von den beiden Gemeinden macht das Rennen? Genau. Liebenfels zieht den Joker, weil es dort für die Industrie billiger ist zu produzieren. Durch die Finger schauen das Klima und die Umwelt. Ohne leistungsfähige Straße und Schiene müssen sich natürlich zahlreiche LKW im stop and go Verkehr durch das Tal schlängeln.

Wer ist also schuld? Die Logistik nicht. Der LKW auch nicht. Die wären auf so eine schwachsinnige Raumordnungspolitik und Industrieansiedlung nicht gekommen. Solche Beispiele gibt es ohne Ende. Überall setzt sich die Ökodiktatur fort und Klimaschutzmaßnahmen werden zugunsten „systemrelevanter“ Entscheidungen nicht gesetzt. Der Wandel zu einer nachhaltigen Zukunft kann nur gelingen, wenn wir uns vom BIP als zentralen Wohlstandsindikator abwenden, schreibt Bernhard Rebernig (Ökosoziales Forum).

Wenn Dummheit, Ignoranz und Profitgier schlicht und ergreifend für das BIP besser sind als Nachhaltigkeit und Gemeinwohl, dann gute Nacht liebe Zukunftsgeneration. Pech gehabt liebe Kinder. Hättet eben nicht auf die Welt kommen sollen, die wir verbrauchen, bevor ihr sie nutzen könnt.

Die von gierigen Despoten gesteuerte Politik „mit beschränkter Haftung“ wird also zunehmend zum Problem. Dank gesetzlicher Regelung sind Schädigungen dann keine Schädigungen mehr, wenn sie ausdrücklich genehmigt wurden. Der Bürger und der Konsument darf – ohne Rücksicht auf Vermögen und Gesundheit, behördlich sanktioniert nach Strich und Faden betrogen und belogen werden – ja, er darf sogar vergiftet werden. Es müssen nur „Grenzwerte“ eingehalten werden, deren flächendeckende Kontrolle letztlich unmöglich ist. Außerdem bleibt in jedem Fall der Konsument auf den Kosten sitzen, denn die Klimakosten werden jedenfalls „wir“ tragen. Wenn also aus der Politik und Verwaltung die „Wir-Keule“ kommt, ist Obacht angesagt. Gemeint ist das Wahlvieh. Wenn die Wirtschaft und die Industrie von „Wir“ sprechen meinen sie die Konsumenten, den Absatzmarkt – exklusive derer, die am Finanzmarkt Gewinne auf Kosten der Gemeinschaft machen und vermutlich einen anderen lebenswerten Planeten kennen. Diese Politik ist gescheitert. Da muss man den Jugendlichen auf der Straße leider Recht geben. Jedenfalls ist das keine Umweltpolitik, sondern Katastrophenmanagement. (PB)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019